Ist unsere Buchenwaldwirtschaft noch zeitgemäß?

Deutschland ist ein „Buchenland“ und trägt mit 26 Prozent einen bedeutenden Anteil zum natürlichen Gesamtareal der Buchenwälder in Europa bei. Allerdings bedecken naturnahe Buchenwälder nur noch knapp 5 Prozent der Landesfläche. Damit tragen wir eine große Verantwortung für den Erhalt dieses Ökosystemtyps, der bereits zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurde. Aber werden wir mit unseren heutigen Schutz- und Nutzungsstrategien dieser globalen Verantwortung gerecht? Diese Frage stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Leuphana Universität Lüneburg gemeinsam mit Förstern aus Schleswig-Holstein. Die Studie zu Buchen-Durchforstungsstrategien im Wirtschaftswald veröffentlichten sie in der Fachzeitschrift „Journal of Applied Ecology“.

Die ökologische Gesundheit des Waldes ist die Basis für einen ökonomischen Erfolg. „Deshalb ist die Minimierung von forstlichen Eingriffen ein entscheidender Faktor, um sowohl betriebswirtschaftliche als auch naturschutzfachliche Ziele auf derselben Fläche zu verfolgen“, erklärt der Kieler Landschaftsökologe und Autor der Studie, Dr. Andreas Fichtner. Denn die Häufigkeit und Intensität von Eingriffen beeinflussen nicht nur die Waldstruktur, sondern auch die Funktion des Waldes als Kohlenstoffspeicher oder die typische Artenvielfalt.

„In erster Linie wollten wir deshalb untersuchen, wie weit sich Eingriffe in Buchenwäldern reduzieren lassen, um einen naturnahen, nachhaltigen Waldbau zu gewährleisten und gleichzeitig die Wertschöpfung aus den Wäldern zu erhöhen“, ergänzt Joachim Schrautzer, Kieler Professor für Angewandte Ökologie. Das überraschende Ergebnis: Eine drastische Reduzierung von Durchforstungsmaßnahmen in naturnahen Buchenwäldern erlaubt längere Erholungsphasen für den Wald, während die wirtschaftliche Effizienz steigt.

Die Erklärung hierfür liefert die aktuelle Studie: „Bisher nahm man an, dass zum Beispiel die Entnahme von Nachbarbäumen ständig zu einer deutlichen Beschleunigung des Dickenwachstums führt. Daher werden schwächere oder krumme Bäume aus dem Bestand herausgenommen, um den starken Bäumen mit geraden Stämmen genug Platz und Nährstoffe bieten zu können“, so der Forstdirektor Knut Sturm. In der Regel können solche Pflegeeingriffe bis zu 15 Mal innerhalb des „forstlichen Lebenszyklus“ eines Baumbestands stattfinden. Tatsächlich ergaben die Forschungen aber, dass das Konkurrenzverhalten der Buche in hohem Maße von der Baumreife abhängig ist. „Ab einem Durchmesser von zirka 40 Zentimetern, also ungefähr nach 90 Jahren, lässt sich das Dickenwachstum der Buche kaum noch durch Entnahme von Nachbarbäumen auf guten Standorten beeinflussen“, erklärt Fichtner die überraschende Erkenntnis. Demzufolge seien ab diesem Zeitpunkt bis zur Ernte keine Eingriffe dieser Art mehr notwendig, so dass sich Durchforstungen auf ein Minimum von insgesamt drei Eingriffen reduzieren lassen.

„Die Bäume stehen dadurch enger und die höhere Baumdichte bringt uns mehr Ertrag, obwohl der Wald selbst gar nichts davon merkt. Dazu kommt, dass wir mit weniger Bodenverdichtung kämpfen, da die schweren Geräte seltener durch die Natur müssen. Der Wald kann außerdem mehr CO2 speichern und Insekten und Pilze fühlen sich gleich doppelt so wohl“, so Forstdirektor Knut Sturm, der unter anderem für den Lübecker Stadtwald zuständig ist. Seit rund acht Jahren wenden er und einige seiner Kollegen diese Methode an und bereits jetzt zeigen sich diese positiven Effekte in den Buchenwäldern.

Als nächstes wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen mit Förstern an weiteren Baumarten wie Ahorn oder Eichen untersuchen, inwieweit sich die Ergebnisse ihrer Studie auch auf andere Waldtypen übertragen lassen.

Originalpublikation:
Fichtner, A., Sturm, K., Rickert, C., Härdtle, W. & Schrautzer, J. (2012): Competition response of European beech Fagus sylvatica L. varies with tree size and abiotic stress: minimizing anthropogenic disturbances in forests. Journal of Applied Ecology, 49, 1306–1315.

Fotos stehen zum Download bereit:

Zum Vergrößern anklicken Bildunterschrift: Die Autorin und Autoren der Studie: (von links) Knut Sturm, Joachim Schrautzer, Corinna Rickert und Andeas Fichtner. Nicht im Bild: Werner Härdtle.
Copyright: CAU, Foto: Claudia Eulitz

Foto zum Herunterladen:
www.uni-kiel.de/download/pm/2013/2013-019-1.jpg

Zum Vergrößern anklicken Bildunterschrift: Ein Waldmeister-Buchenwald in Schleswig-Holstein.
Copyright/Foto: Knut Sturm

Foto zum Herunterladen:
www.uni-kiel.de/download/pm/2013/2013-019-2.jpg

Kontakt:
Dr. Andreas Fichtner
Tel.: 0431/880-1198
E-Mail: afichtner@ecology.uni-kiel.de

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Presse, Kommunikation und Marketing, Dr. Boris Pawlowski, Text: Claudia Eulitz
Postanschrift: D-24098 Kiel, Telefon: (0431) 880-2104, Telefax: (0431) 880-1355
e-mail: presse@uv.uni-kiel.de

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